Rund 30 Jahre nachdem die bunt gemusterte Kittelschürze nahezu aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist, widmet sich das Lübecker Kulturprojekt FRAUEN IM KITTEL ihrer Wiederentdeckung. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur das einst allgegenwärtige Kleidungsstück, sondern auch die Lebensgeschichten der Frauen, die es über viele Jahrzehnte hinweg trugen.
Kittelschürzen, ursprünglich als praktische Arbeitskleidung für Hausfrauen entworfen, sind weit mehr als nur ein Kleidungsstück. Sie wecken Erinnerungen und erzählen Geschichten. Ihre Muster, Farben und Schnitte spiegeln den Zeitgeist vergangener Jahrzehnte wider und geben Einblicke in die Lebenswelten der Frauen, die sie trugen. Kittelschürzen sind Ausgangspunkt für Zeitreisen, kulturgeschichtliche Entdeckungen und kollektive Erinnerungen. Sie sind mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen: geschätzt oder abgelehnt, selbstverständlich oder befremdlich, je nach persönlicher Biografie und Generation. So beschreibt die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Reis die Kittelschürze auf ihrer Website DIE KITTEL.
Begonnen hat alles mit den Kittelschürzen ihrer Großmutter. Aus einem Stapel von zehn Schürzen entstand im Laufe der Zeit eine Sammlung von mittlerweile mehr als 300 Exemplaren. Die Schürzen erzählen von einem Alltag, der weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Sie bewahren Erinnerungen an markante Stoffmuster, persönliche Lebensgeschichten und gesellschaftliche Entwicklungen.
Mit ihrem Projekt DIE KITTEL gibt Stefanie Reis diesen oft übersehenen Zeugnissen des Alltags eine Bühne. Den Auftakt bildeten eine Ausstellung und eine Modenschau, die sie gemeinsam mit den Künstlern Simone Graber und Tilo Strauß im Frühjahr 2024 realisierte. Im Jahr 2026 tanzten die Kittel in Lübeck weiter aus der Reihe: Foto- und Kittelausstellungen an prominenten Lübecker Orten wie der Musik- und Kongresshalle Lübeck rückten die Lebens- und Arbeitswelten von Frauen in den Mittelpunkt, deren Geschichten bislang selten erzählt wurden. Darauf folgte mit 'IM KITTEL MIT … ' der weltweit erste Podcast zur Kittelschürze. Mit außergewöhnlichen Gästen, überraschenden Lebensgeschichten und eindrucksvollen Erinnerungen zeigt das Format, welche gesellschaftlichen, kulturellen und persönlichen Geschichten sich hinter einem vermeintlich unscheinbaren Kleidungsstück verbergen.
Auch künftig möchte Stefanie Reis mit Ausstellungen, Veranstaltungen und kreativen Formaten die Kittelschürze als kulturhistorisches Zeugnis erfahrbar machen und weitere Geschichten von Frauen sichtbar werden lassen. Inzwischen ziehen die Kittelschürzen ihre Kreise über Lübeck hinaus: bundesweit und sogar international stoßen sie neue Verbindungen und Ideen an.